Mehr als Basisschutz

 

Der solidarische Berufsunfähigkeitsschutz in den berufsständischen Versorgungswerken ist der Finanzindustrie schon länger ein Dorn im Auge. Ihre als „solvente Zielgruppe“ ausgemachten Mitglieder sollen BU-Policen abschließen, was man aus der Sicht der Anbieter verstehen kann. Die Frage ist: Wie nötig brauchen sie private eine Zusatzversicherung?

 

Grundsätzlich gilt, dass der individuelle Absicherungsbedarf unterschiedlich ausfällt. Das liegt nicht nur an den persönlich unterschiedlichen Risikoprofilen, sondern auch an der subjektiven Einschätzung, wieviel Risikoschutz man braucht und was man dafür zu zahlen bereit ist. Daher können Ärzte, Apotheker oder Architekten und die Mitglieder der weiteren bei den Versorgungswerken abgesicherten Berufsgruppen grundsätzlich Bedarf an Zusatzabsicherungen haben.

 

Aus Marketinggründen mag es nachvollziehbar sein, wenn Finanzdienstleister den Berufsunfähigkeitsschutz der Versorgungswerke als restriktive Basisabsicherung charakterisieren, die in vielen Fällen nicht oder nur zu kurz greife. So könne beispielsweise ein Chirurg auf andere ärztliche Tätigkeiten verwiesen werden, und die Fortführung der Praxis durch einen Vertreter schließe den Bezug der Berufsunfähigkeitsrente aus, heißt es beispielsweise auf der Internetseite von MLP.

 

In der Tat muss die Fähigkeit zur Ausübung des versicherten Berufes umfassend entfallen sein, damit die Solidargemeinschaft eintritt. Dies ist der Fall, wenn die verbliebene Restleistungsfähigkeit nicht mehr ausreicht, um das Existenzminimum zu sichern. Wer also nicht beispielsweise den Beruf des Arztes, sondern die Tätigkeit als Chirurg absichern möchte, der muss dies auf eigene, gesonderte Kosten tun. Und im Übrigen auch zu anderen Bedingungen. Gleiches gilt für Mitglieder, die schon bei einer Einschränkung des Leistungsvermögens von 50% Rente beziehen wollen. Aber abgesehen von der Frage, wie der Privatanbieter eine 50%-ige Berufsunfähigkeit feststellt (oder vielleicht nur 49%?) stellt sich die Frage, wie hoch die Eintrittswahrscheinlichkeit eines solchen Risikos ist. Zum Beispiel zählt der Arztberuf statistisch zu den ungefährlichsten in Deutschland.

 

Gern wird darauf hingewiesen, dass man die Zusatzversicherung bereits in jungen Jahren abschließen soll, da sie dann billiger wird. Das ist sicherlich richtig, bedeutet aber auch, dass man gegebenenfalls Jahrzehnte für ein Risiko zahlt, das sich in den freien Berufen fast ausschließlich jenseits des sechzigsten Lebensjahres realisiert – wenn überhaupt.

 

Fazit: Wer sich auf die Berufsunfähigkeitsabsicherung seines Versorgungswerkes verlässt, ist also keineswegs verlassen. Der Schutz greift ohne jede zeitliche Verzögerung (Wartezeit) und ohne Gesundheitsprüfung und Fragebögen zu Vorerkrankungen, die zum Leistungsausschluss privater Anbieter führen können, wenn man versehentlich eine Kinderkrankheit vergessen hat. Wer für sich jedoch noch weitere Risiken ausschließen will, muss dies dann in der Tat privat tun.